HERZBLUAT Unternehmensberatung, Marketingberatung, Nachhaltigkeitsberatung

HERZBLUAT
Unternehmens­beratung
Marketingberatung
Nachhaltigkeitsberatung

Salzburg, Österreich

Zertifizierung CMC Certified Management ConsultantZertifizierung CMC Certified Management Consultant
Zertifizierung Recognised Practitioner ISO 20700:2017 by ICMCIZertifizierung Recognised Practitioner ISO 20700:2017 by ICMCI
Zertifizierung Certified Sustainability Management ExpertZertifizierung Certified Sustainability Management Expert
Zertifizierung CAAA Certified Austrian Advertising AgencyZertifizierung CAAA Certified Austrian Advertising Agency
Nachhaltige Lehre https://www.nachhaltige-lehre.at/Nachhaltige Lehre https://www.nachhaltige-lehre.at/

Nachruf auf MTV und der Beginn der Post-Linearen Ära

In Eile?
Hier ist das Wichtigste in 30 Sekunden (tl;dr):

Es ist der 31.12.2025 und MTV ist Geschichte.
Mein Fazit als Stratege:
MTV starb, weil es „entbündelt“ wurde (Musik zu Spotify, Clips zu YouTube) und sein „Warum“ vergaß.
Was ich von Ray Cokes und dem Bundesheer für mein Business lernte?
Dass Unperfektheit (MVP) Vertrauen schafft, Kreativität Grenzen braucht und man sich nie auf fremde Plattformen verlassen darf.
Baut eure eigene Infrastruktur!

Lies hier die ganze Analyse

Ein strategisches Manifest zum Ende einer Ära

Video Killed the Radio Star, aber TikTok tötete den Video Star:

1.0 – Intro:
Das Rauschen der Stille (31.12.2025)

Es ist der 31. Dezember 2025.

Während draußen die ersten verfrühten Silvesterraketen den österreichischen Himmel erleuchten, sitze ich hier, im Wohnzimmer, und starre auf einen Bildschirm, der gleich Geschichte schreiben wird. Oder besser gesagt: Geschichte löschen wird. Um Punkt Mitternacht, wenn die Sektkorken knallen und wir uns „Prosit Neujahr“ wünschen, endet im deutschsprachigen Raum eine Ära, die mein Leben – und das Leben meiner gesamten Generation – wie keine andere geprägt hat. Die linearen Musiksender von MTV stellen ihren Betrieb ein.

Das ist kein technischer Glitch. Das ist kein vorübergehender Ausfall. Es ist der finale Herzstillstand eines Medienorganismus, der 44 Jahre lang den Takt der globalen Jugendkultur vorgegeben hat. MTV Music, MTV 80s, MTV 90s – sie alle werden schwarz. Übrig bleibt ein Rumpfprogramm aus Reality-TV, Catfish und Ridiculousness auf dem Hauptsender, während die Musik endgültig ins digitale Nirwana von YouTube, TikTok und Spotify abwandert.

Für einen Strategieberater und Herzblut-Marketer wie mich ist dieser Moment mehr als nur sentimentale Nostalgie. Es ist eine Live-Autopsie eines Geschäftsmodells. Es ist der ultimative Beweis für die brutale Wahrheit der Disruption: Was dich heute zum König macht, ist morgen dein Grabstein, wenn du den „Pivot“ verpasst.

Ich bin Gregor Wimmer, Baujahr 1975.

Ich bin ein Kind der analogen Welt, das in der digitalen Welt erwachsen wurde. Meine Biografie ist keine gerade Linie, sondern ein Zickzackkurs durch die technologische und kulturelle Evolution der letzten fünf Jahrzehnte. Von den grünen Phosphor-Bildschirmen in Dubai bis zu den High-Speed-Glasfasernetzen von heute; vom Jägerregiment 4 bis zur kreativen Spielwiese der Werbeagenturen und der knallharten Business-Realität als Unternehmensberater.

Dieser Text ist kein gewöhnlicher Blog-Post. Es ist ein Manifest. Auf den folgenden Seiten werde ich nicht nur in Erinnerungen schwelgen. Ich werde meine Biografie zerlegen und die strategischen „Nuggets“ extrahieren, die darin verborgen liegen. Wir werden lernen, warum Ray Cokes der erste Agile Coach war, warum David Hasselhoff das beste Beispiel für opportunistisches Marketing ist und warum die „Liwest-Box“ in meinem Garten in Leonding mehr über Plattformökonomie lehrt als so manches MBA-Studium.

Holen Sie sich einen Kaffee – oder besser, eine Flasche „Himbeer Keli“ oder „Crystal Pepsi“, wenn Sie noch eine finden. Es wird eine lange Nacht. Es wird ausführlich. Es wird persönlich. Und hoffentlich lernen wir etwas daraus, bevor der Bildschirm endgültig schwarz wird.

2.0 – Dubai in den 80ern:
Das Reuters-Terminal und die Hardware der Wahrheit

Um zu verstehen, warum das Ende von MTV im Jahr 2025 so signifikant ist, müssen wir zurück zu den Anfängen meiner Informationsaufnahme. Wir schreiben die 1980er Jahre. Der Ort: Dubai.

Damals war Dubai noch nicht die glitzernde Cyberpunk-Metropole der Influencer und Krypto-Millionäre. Es war eine Wüstenstadt, ein Außenposten, geprägt von Expat-Communities, dem Jebel Ali Freihandelshafen, unserem Hotel Jebel Ali, Hitze und dem Gefühl, am Rande der Zivilisation und doch mitten im Zentrum des globalen Handels zu sein. Mein Vater arbeitete dort, und ich, der kleine Gregor, wurde in eine Welt geworfen, die bereits „globalisiert“ war, bevor das Wort überhaupt in den Duden aufgenommen wurde.

2.1 Der grüne Schimmer der Macht

Das prägendste Artefakt dieser Zeit war für mich nicht der Sand oder die Souks, sondern ein technisches Gerät, das in den Büros der Macht stand: Das Reuters Monitor Terminal.

Für die Generation Z, die mit Retina-Displays und 120-Hz-OLEDs aufgewachsen ist, ist es schwer, die Faszination dieses Geräts zu beschreiben. Es war ein massiver Kasten, schwer, industriell, gebaut für die Ewigkeit. Der Bildschirm leuchtete nicht in 16 Millionen Farben. Er kannte nur eine Farbe: Grün.

Dieses „Green Screen“-Leuchten, erzeugt durch P1-Phosphor, hatte etwas Hypnotisches. Es war die Farbe des Geldes, die Farbe der Information. In einer Zeit ohne Internet war dieses Terminal die einzige Nabelschnur zur Weltwirtschaft.

Strategisches Nugget #1: Die Hardware als Burggraben (The Moat)

Aus heutiger Business-Sicht ist das Reuters-Terminal der 80er Jahre ein perfektes Beispiel für eine „Walled Garden“-Strategie. Reuters verkaufte nicht einfach Daten. Sie verkauften den Zugang. Man konnte die Finanzdaten nicht auf einem Commodore 64 oder einem frühen IBM PC abrufen. Man brauchte ihre Hardware. Das Terminal war der „Dongle“ für die Information.

Das System bestand aus einem proprietären Mini-Computer (PDP8), der bis zu 20 Leiterplatten enthielt. Es war so schwer, dass die Installation oft logistische Wunder erforderte. Aber genau diese Schwere, diese Physis, war Teil des Geschäftsmodells.

  • Lesson: Wenn du die Infrastruktur kontrollierst, kontrollierst du den Markt. Reuters hatte einen Burggraben um sein Produkt gezogen, der aus Hardware bestand.
  • Transfer auf 2025: MTV versuchte später ähnliches. Ihr „Terminal“ war der Kabelanschluss. Solange sie die exklusive Pipeline in die Wohnzimmer waren, konnten sie diktieren, was wir hören. Aber sobald die Infrastruktur „offen“ wurde (Internet), brach das Monopol. Die Lehre? Hardware-Monopole sind extrem profitabel, aber sie sind anfällig für technologische Substitution. Wer heute auf proprietäre Hardware setzt (denken wir an VR-Brillen oder geschlossene Smart-Home-Systeme), spielt dasselbe Spiel wie Reuters damals. Es funktioniert, bis es plötzlich eine Software-Lösung gibt, die auf jeder Hardware läuft.

2.2 Die UX-Revolution: A-Z statt QWERTY

Ein Detail am Reuters-Terminal hat sich mir tief eingebrannt und dient mir bis heute als Parabel für User Experience (UX) Design. Die Tastatur. Jeder, der heute tippt, nutzt das QWERTY (oder im Deutschen QWERTZ) Layout. Es ist der Standard. Aber das Reuters-Terminal der 80er hatte eine Tastatur mit alphabetischer Anordnung (A-Z).

Warum? War das ein Designfehler? Nein, es war pure Nutzerzentrierung. Die Zielgruppe waren Trader – Börsenhändler. Harte Typen, die schrien, gestikulierten und unter enormem Druck standen. Diese Männer (es waren damals fast nur Männer) waren keine Sekretärinnen. Sie hatten nie Maschinenschreiben gelernt. Für sie war das QWERTY-Layout ein chaotisches Durcheinander. Wenn sie „GOLD“ eintippen wollten, suchten sie intuitiv nach dem „G“, dann nach dem „O“. Reuters verstand das. Anstatt zu versuchen, die User umzuerziehen („Lernt tippen!“), passten sie das Interface an die mentalen Modelle der User an.

Strategisches Nugget #2: Don’t make me think (Ergonomie der Gewohnheit)

Das ist eine Lektion, die ich jedem Start-up heute ans Herz lege. Wie oft sehen wir Apps oder Software, die vom User verlangen, sein Verhalten komplett zu ändern?

  • Insight: Das Reuters-Keyboard beweist: Design muss den Nutzer dort abholen, wo er ist, nicht dort, wo der Designer ihn haben will.
  • Herzbluat-Takeaway: Wenn wir heute Marketingkampagnen für Kunden entwerfen, frage ich immer: „Zwingen wir den Kunden, QWERTY zu lernen, obwohl er A-Z denkt?“ Barrierefreiheit ist nicht nur eine soziale Frage, es ist eine ökonomische Notwendigkeit. Je geringer die kognitive Reibung, desto höher die Conversion.

Dubai war für mich der erste Kontakt mit der globalen Vernetzung. Ich sah, wie Informationen in Echtzeit (oder was man damals dafür hielt) über den Globus flossen. Es legte den Grundstein für mein Verständnis, dass die Welt ein Dorf ist – ein Dorf, das von Kabeln und Signalen zusammengehalten wird.

3.0 – Leonding:
Der Liwest-Kasten und die Tyrannei der Auswahl

Wir spulen vor. Raus aus der Wüste, rein in das grüne Herz Oberösterreichs. Leonding. Das Einfamilienhaus in Untergaumberg in der Klimtstrasse, einer Sackgasse. Der Garten. Und dort, unscheinbar zwischen den Sträuchern, stand er plötzlich eines schönen Tages, das nächste Monument meiner Mediensozialisation: Der Liwest-Verteilerkasten.

3.1 Die Anatomie der Pipe

Die LIWEST (Linz-West) Kabelmedien GmbH, gegründet 1978, war unser Tor zur Welt. In einer Zeit, als viele Österreicher noch mit der Zimmerantenne versuchten, ein verschneites Bild von Heinz Konrads zu empfangen, hatten wir zwar schon eine Hochantenne mit FS 1, FS 2, ARD und ZDF, aber nun plötzlich in Leonding Kabelfernsehen. Der graue Kasten im Garten war für mich magisch. Ich wusste, dass in diesem unscheinbaren Plastikgehäuse Signale aus aller Welt zusammenliefen und dann – physikalisch greifbar – durch ein Koaxialkabel in unser Wohnzimmer flossen.

Das war mein erster Kontakt mit dem Konzept der „Last Mile“. Die Satelliten im All konnten senden, was sie wollten. Ohne den Kasten im Garten, ohne das Kabel im Boden, kam nichts an. Liwest besaß den Zugang zum Endkunden.

Strategisches Nugget #3: Infrastructure as a Service (IaaS)

Im Rückblick war Liwest das Amazon Web Services (AWS) meiner Jugend. Sie produzierten keinen Content (außer vielleicht einem lokalen Infokanal). Sie stellten die Infrastruktur.

  • Business Insight: Das profitabelste Geschäft ist oft nicht das Goldgraben, sondern der Verkauf der Schaufeln – oder in diesem Fall: die Vermietung des Weges zur Goldmine.
  • Disruption: Heute sehen wir, wie dieses Modell wankt. Mit 5G und Starlink wird die physische Verkabelung („Buddeln im Garten“) zunehmend obsolet, oder zumindest weniger exklusiv. Liwest hat das erkannt und sich längst zum Internetanbieter (Glasfaser, Gigabit) gewandelt. Sie haben verstanden, dass „Kabelfernsehen“ ein sterbendes Produkt ist, aber „Connectivity“ ewig lebt.
  • Herzbluat-Strategie: Für Unternehmen bedeutet das: Definiere dich nicht über dein Produkt („Wir machen Kabelfernsehen“), sondern über deinen Nutzen („Wir verbinden Menschen“). Wer am Produkt klebt, stirbt mit dem Produkt. Wer den Nutzen versteht, kann pivotieren.

3.2 Die Psychologie des Zappens

Mit dem Kabelanschluss kam die Auswahl. Plötzlich waren da nicht mehr nur FS1 und FS2. Da waren RTL, SAT.1, Pro7 – und MTV. Diese Explosion der Möglichkeiten veränderte mein Gehirn. Ich lernte das „Zappen“. Das Zappen war der Vorläufer des „Scrollens“. Die Aufmerksamkeitsspanne begann zu sinken. Wenn mir ein Musikvideo nicht gefiel -> Zack, nächster Kanal. Wir, die Gen X, waren die ersten Versuchskaninchen der Aufmerksamkeitsökonomie. Wir wurden darauf trainiert, Langeweile nicht mehr zu ertragen, sondern wegzuschalten.

Appropos: Kann sich noch jemand an die Spielregeln von Hugo Egon Balder und Tutti Frutti erinnern?

4.0 – 1989:
The Wind of Change, Hasselhoff und Ratzenböck

1989 war das Jahr, in dem die Weltordnung, wie wir sie kannten, kollabierte. Für einen Teenager in Oberösterreich war das nicht nur Weltpolitik; es war lokale Realität.

4.1 Wullowitz und das Ende der Welt

Ich erinnere mich an den 11. Dezember 1989. Papa, da hatte er noch knapp ein Jahr zu leben, und ich saßen vor dem Fernseher und schauten die Zeit im Bild. Landeshauptmann Josef Ratzenböck stand am Grenzübergang Wullowitz/Dolní Dvořiště. Zusammen mit seinem tschechischen Amtskollegen Miroslav Šenkyř durchschnitt er den Stacheldraht. Für uns in Linz und Leonding war der Eiserne Vorhang nicht abstrakt. Er war das „Ende der Welt“. Nördlich von uns war Schluss. Eine Sackgasse. Und plötzlich, an einem kalten Dezembertag, war die Sackgasse offen.

Was mich als späterer Unternehmensberater an dieser Geschichte fasziniert, ist der Hintergrund. Ratzenböck hatte nicht einfach spontan zur Schere gegriffen. Er hatte seit den frühen 80ern Beziehungen gepflegt – über die „Österreichisch-Tschechoslowakische Gesellschaft“, über kleine diplomatische Gesten – wir hatten z.B. beim Schüleraustausch mit einem tschechoslowakischen Gymnasium den kleinen „Pavel“ aus Prag für eine Woche zu Gast daheim, über „B2B-Networking“ auf politischer Ebene.

Strategisches Nugget #4: Relationship Management ist ein Marathon

Die Grenzöffnung wirkte wie ein „Overnight Success“. In Wahrheit war sie das Ergebnis von jahrzehntelangem Stakeholder-Management.

  • Insight: In der Geschäftswelt (Business Development) gibt es keine Abkürzungen für Vertrauen. Ratzenböck konnte den Draht durchschneiden, weil er Jahre damit verbracht hatte, sicherzustellen, dass die Hand, die die Schere hält, nicht weggeschlagen wird.
  • Herzbluat-Takeaway: Wenn wir heute „Networking“ betreiben, wollen wir oft den sofortigen Deal. Aber die wirklich großen Deals – die, die Märkte öffnen – basieren auf Beziehungen, die gepflegt werden, wenn es noch nichts zu gewinnen gibt.

4.2 Looking for Freedom: Die Marke Hasselhoff

Und dann war da die Musik. Der Soundtrack dieses Umbruchs war nicht Beethoven. Es war David Hasselhoff. Seien wir ehrlich: Musikalisch war „Looking for Freedom“ keine Offenbarung. Aber kulturell war es eine Atombombe. Hasselhoff, der Mann aus Knight Rider – jemand der damals schon mit seiner Uhr sprach, stand in einer blinkenden Jacke an der Berliner Mauer und sang von Freiheit. Viele lachen heute darüber. Ich nicht. Ich analysiere es.

Strategisches Nugget #5: Product-Market-Fit & Timing

Hasselhoff ist das ultimative Beispiel für Product-Market-Fit.

  • Das Produkt: Ein simpler, eingängiger Schlagersong mit englischem Text und einem amerikanischen Helden.
  • Der Markt: Ein Europa im Umbruch, hungernd nach westlicher Symbolik, Optimismus und Pathos.
  • Das Timing: Perfekt. Hasselhoff wäre 1985 gescheitert. Er wäre 1995 gescheitert. Aber 1989 war er genau das, was der Markt brauchte.
  • Strategie-Lehre: Qualität ist subjektiv. Relevanz ist objektiv. Du kannst das beste Produkt der Welt haben (einen komplexen Jazz-Song), aber wenn der Markt nach einem einfachen „Freedom“-Slogan schreit, wirst du verlieren. Hasselhoff hat die Welle nicht erzeugt, er hat sie gesurft. Das ist Marketing-Intelligenz in Reinform (auch wenn es vielleicht Zufall war).

5.0 – Die Ära MTV:
Meine Ausbildung zum Popkultur-Consultant

Jetzt kommen wir zum Kern der Sache. Das Herzstück. MTV und MTV Europe. Zwischen 1985 und 1995 verbrachte ich wahrscheinlich mehr Zeit vor MTV als in diversen Schulen. (Nein Mutter, das hast du jetzt nicht gelesen.) Und ich behaupte heute: Ich habe dort mehr über Marketing gelernt. Und all mein Englisch. (Ja Mutter, das darfst du jetzt wieder lesen.)

5.1 Ray Cokes und Most Wanted: Das Chaos als Strategie

Ray Cokes war mein Held. Seine Show MTV’s Most Wanted, die von 1992 bis 1995 lief, war Anarchie pur. Er sendete live aus London (Camden Town). Das Set war billig. Die Technik fiel ständig aus. Er stritt sich live on air mit seiner Crew – mit AndyCam (dem Kameramann), mit Rob (dem Typen im Hintergrund), mit dem Tea Boy.

Warum war das so genial? Weil es authentisch war. In einer Welt von polierten US-Shows und steifen deutschen Moderatoren war Ray Cokes ein echter Mensch. Wenn ein Video nicht startete, überspielte er es nicht. Er machte Witze darüber. Er las Faxe von Zuschauern vor – live, ungefiltert.

Strategisches Nugget #6: Community Engagement & MVP

Ray Cokes hat das Community Management erfunden, bevor es Facebook gab. Er machte die Zuschauer zu Teilhabern der Show.

  • Agiles Mindset: Most Wanted war ein „Minimum Viable Product“ (MVP). Es war nicht perfekt („a lot of crap“, wie Cokes selbst sagte ), aber es funktionierte, weil es iterativ war. Jede Sendung reagierte auf das Feedback der letzten.
  • Fehlerkultur: Cokes zeigte uns, dass Vulnerabilität Vertrauen schafft. Ein Unternehmen, das zugibt: „Ja, wir haben Mist gebaut, hier ist, wie wir es fixen“, ist sympathischer als eines, das PR-Floskeln drischt.
  • Herzbluat-Takeaway: Für meine Kunden heute bedeutet das: Habt Mut zur Unperfektheit. Zeigt die Menschen hinter der Marke. Seid wie Ray. Sprecht mit dem Kameramann. Lest die Faxe (oder Kommentare).

5.2 Kristiane Backer: Glocalization in Action

Dann war da Kristiane Backer. Die erste deutsche VJ bei MTV Europe. Sie war unsere Botschafterin. Sie interviewte die Rolling Stones und Lenny Kravitz, aber sie tat es mit einer deutschen Sensibilität. MTV Europe war damals ein Meisterwerk der „Glocalization“ (Global + Local). Sie sendeten auf Englisch für ganz Europa, aber sie nutzten Gesichter wie Kristiane (für DACH), Pip Dann (Neuseeland/UK) oder Simone Angel (Niederlande), um lokale Identifikation zu schaffen.

Interessant ist auch ihr weiterer Weg. Von der Party-Szene Londons zum Islam. In ihrem Buch From MTV to Mecca beschreibt sie die Leere des Ruhms. Das ist ein tiefes Insight in die Employee Experience.

  • Strategie: Selbst die coolste Marke (MTV in den 90ern) kann ihre Mitarbeiter ausbrennen, wenn der „Purpose“ fehlt. Kristiane suchte nach Sinn („Meaning“), den ihr der Materialismus der Popkultur nicht geben konnte. Für moderne HR-Abteilungen ist das ein Weckruf: Bietet euren High-Performern mehr als nur Champagner-Partys. Bietet Sinn.

5.3 Beavis & Butthead: Die Anti-Marke

Man kann über MTV nicht sprechen, ohne Beavis & Butthead zu erwähnen. Zwei zeichentrick-animierte Idioten, die auf dem Sofa sitzen und Musikvideos schauen. Das Geniale daran: Sie machten sich über das Kernprodukt von MTV lustig. Wenn ein Video schlecht war, sagten sie: „This sucks!“. Und MTV sendete das.

Strategisches Nugget #7: Meta-Marketing & Souveränität

Stellen Sie sich vor, BMW würde eine Werbung schalten, in der zwei Typen in einem BMW sitzen und sagen: „Die Sitze sind eigentlich unbequem.“ Undenkbar? MTV hat es getan.

  • Insight: Indem MTV die Kritik am eigenen Programm institutionalisierte, nahmen sie den Kritikern den Wind aus den Segeln. Es war Selbstironie als Schutzschild.
  • Lesson: Marken, die sich selbst nicht zu ernst nehmen, sind unangreifbar. „Work Sucks“ war ein Mantra der Gen X. MTV verstand seine Zielgruppe so gut, dass sie wussten: Zynismus ist die Sprache der Liebe für diese Generation.

5.4 November Rain: Peak Budget & Der Wasserfall

Und dann: November Rain von Guns N‘ Roses. 1992. Eines der teuersten Musikvideos aller Zeiten. Epos. Orchester. Ein Hubschrauberflug, Slash in der Einöde vor einer Holzkirche Gitarre spielend, eine vom Regen und Hechtsprung demolierte Hochzeitstorte. Das war der Höhepunkt der alten Musikindustrie.

  • Business-Analyse: Das war Wasserfall-Projektmanagement. Ein riesiges Budget, eine riesige Vision, ein riesiges Risiko. „Too big to fail.“
  • Kontrast 2025: Heute wird der Nummer-1-Hit auf einem iPhone in einem Schlafzimmer produziert (Billie Eilish). Wir sind von Capex (Capital Expenditure – teure Produktion) zu Opex (Operational Expenditure – schnelle, billige Iteration) gewechselt. November Rain ist ein Dinosaurier. Wunderschön, aber nicht überlebensfähig in der TikTok-Ökonomie.

6.0 – Die Ausbildung:
Vom Blockflöten-Trauma zur HBLA

Hier muss ich die Chronologie meiner Biografie etwas gerade rücken. Bevor ich mich in die Welt der Wirtschaft stürzte, gab es da noch meine musikalische „Grundausbildung“.

6.1 Die HBLA Landwiedstraße: Service ist kein Zufall

1989 wechselte ich in die HBLA (Höhere Bundeslehranstalt) für Betriebs- und Ernährungswirtschaft in der Landwiedstraße in Linz. Der Fokus: Wirtschaft, Küche, Service. Das klingt erst mal nicht nach High-Tech-Consulting. Aber warten Sie. In der Küche und im Service lernst du etwas, das vielen Programmierern fehlt: Echtzeit-Feedback und Prozessdisziplin. Wenn du im Service stehst und die Suppe ist kalt, kriegst du das Feedback sofort. Nicht in einem Jira-Ticket zwei Wochen später. Du siehst das Gesicht des Gastes.

Und die Küche? Das ist Mise en place. Bevor der Service beginnt (der „Launch“), muss alles an seinem Platz sein. Die Zwiebeln geschnitten, die Gewürze bereit.

  • Herzbluat-Nugget: Ich führe Projekte heute wie eine professionelle Küche. Wo ist das Mise en place? Haben wir alle Assets? Sind die Schnittstellen (Pass) zwischen Küche (Produktion) und Service (Sales) sauber?
  • Außerdem war die Schule fortschrittlich: Wir hatten einen Gemüsegarten und ein Biotop. Das lehrte uns Nachhaltigkeit, bevor es ein ESG-Reporting gab. Wir lernten, dass man ernten muss, was man sät – wörtlich und metaphorisch.

6.2 Die Musik-Hauptschule: Warum ich kein Rockstar wurde (Ein Prequel)

Zeitlich noch einen Schritt davor – in den 80ern – besuchte ich die Musik-Volksschule und die Musik-Hauptschule in Leonding. Das klingt nach der perfekten Startrampe für eine MTV-Karriere, aber die Realität sah anders aus.

Mein musikalisches Repertoire umfasste Blockflöte, Altflöte und elektronische Tasteninstrumente. Klingt vielseitig, aber die Wahrheit ist: Ich hasste das Üben. Ich hasste es abgrundtief. Im Gegensatz zu vielen meiner Altersgenossen, die davon träumten, wie Slash im Wüstenwind zu stehen, wollte ich nie Rockstar werden. Ich hatte null Ambitionen, auf der Bühne zu stehen. Ich wollte nicht musikalisch performen, ich wollte verstehen. Ich war der geborene Analyst, Weiterentwicklier, der visionäre Stratege.

Strategisches Insight: Kenne deine Rolle im Ökosystem

Ich habe früh gelernt, dass ich kein Musiker bin. Ich bin kein Showman.

  • Insight: Nicht jeder muss die „Rampensau“ sein. In der Wirtschaftsdynamik sind die Rollen des Beobachters, des Strategen und des Kurators genauso wichtig.
  • Herzbluat-Takeaway: Viele Unternehmen scheitern, weil sie versuchen, etwas zu sein, das sie nicht sind (z.B. ein Tech-Innovator), anstatt ihre Stärke als Service-Provider oder Integrator zu nutzen. Ehrliche Selbsteinschätzung – „Ich will nicht üben, also werde ich kein Virtuose“ – spart Ressourcen und fokussiert die Energie auf das, was man wirklich kann: In meinem Fall das Analysieren, das Visionen Wirklichkeit werden lassen und das Beraten.

7.0 – Die Lehre:
SERY & Conquest – Zwei Welten, eine Wahrheit

Mein Eintritt in die Berufswelt führte mich in zwei völlig unterschiedliche Agentur-Kulturen. Ein perfekter A/B-Test des Agenturlebens.

7.1 Marketing- und Werbeagentur SERY: Die Kraft der Marke

Bei Rainer Sery und seiner Tochter Angelika Sery-Froschauer und SERY* in Leonding/München lernte ich, was „Brand“ bedeutet. SERY* ist Österreichs älteste inhabergeführte Agentur (seit 1963/66). Hier ging es um Emotion. Um das „Große Ganze“.

  • Lektion: Langlebigkeit entsteht durch Anpassungsfähigkeit. SERY* hat den Wandel von Print zu TV zu Digital überlebt, weil der Kern – die Markenführung – zeitlos ist. Technologien ändern sich, Psychologie bleibt.

Weiß übrigens noch wer was ein Omnichrom ist? Wir hatten es damals noch stehen. Und ein Telex-Gerät.

7.2 Conquest Werbeagentur: Die Macht der Nische

Dann Conquest unter Klaus Lindinger. Conquest war anders. Spezialisiert auf B2B und Industriemarketing. Die Kunden: Steyr Traktoren, Palfinger, Voestalpine. Kein Glitzer. Sondern Stahl, Hydraulik und harte KPIs.

Conquest betreute Steyr Traktoren über 45 Jahre lang. Lassen Sie sich das auf der Zunge zergehen. In einer Branche, in der Kunden alle 3 Jahre die Agentur wechseln (der berühmte „Pitch-Tourismus“), hielt Conquest einen Kunden fast ein halbes Jahrhundert.

Strategisches Nugget #8: The Riches are in the Niches

Warum war Conquest so erfolgreich? Weil sie die Sprache der Ingenieure sprachen.

  • Insight: Es ist leicht, eine Agentur für „Lifestyle“ zu sein. Jeder kann Lifestyle. Aber versuche mal, eine Kampagne für einen Forstkran zu machen, wenn du den Unterschied zwischen Hubmoment und Schwenkbereich nicht kennst.
  • Barriers to Entry: Conquest hatte sich tiefes Fachwissen angeeignet. Das schuf eine Eintrittsbarriere für Konkurrenten.
  • Herzbluat-Strategie: Für B2B-Unternehmen gilt: Sei nicht der Generalist. Sei der Nerd. Der Kunde will nicht, dass du „kreativ“ bist. Er will, dass du sein Produkt verstehst. Verständnis schlägt Kreativität.

8.0 – Bundesheer:
Jägerregiment 4 und das Führen im Chaos

Nach der Kreativität kam der Stahl. Bundesheer. Jägerregiment 4 in Linz-Ebelsberg. Infanterie. Dreck. Kälte. Befehl und Gehorsam. Viele Kreative hassen das Heer. Ich habe es als Leadership-Seminar begriffen.

Im österreichischen Bundesheer (und in der preußischen Tradition) gilt das Prinzip der Auftragstaktik. Der Kommandant sagt: „Wir nehmen diesen Hügel.“ (Das Was). Er sagt nicht: „Laufen Sie drei Schritte, dann ducken, dann schießen.“ (Das Wie). Das „Wie“ entscheidet der Gruppenkommandant vor Ort.

Transfer ins Business: Das ist modernes Management. Micromanagement tötet Innovation. Gute CEOs geben die Vision vor („Wir launchen die Website bis März“) und lassen den Teams die Freiheit der Ausführung.

Disziplin: Außerdem lernte ich: Kreativität braucht Grenzen. Völlige Freiheit führt oft zu nichts. Aber Kreativität innerhalb eines Rahmens (Zeitdruck, Ressourcenmangel, Feindbeschuss) führt zu genialen Lösungen.

9.0 – Fazit 2025:
Warum MTV sterben musste (und was wir lernen)

Zurück ins Hier und Jetzt. 31.12.2025. Warum schalten sie ab?

In den Pressemitteilungen heißt es: „Änderung der Nutzungsgewohnheiten“. Das ist der Euphemismus des Jahrhunderts. Die Wahrheit ist: MTV hat sein „Why“ vergessen.

9.1 The Unbundling of MTV

MTV war früher ein „Bundle“. Es war:

  • Musik-Entdeckung (Radio)
  • Musik-Visualisierung (Video)
  • News (Kurt Loder)
  • Community (Ray Cokes)
  • Lifestyle (Werbung)

Das Internet hat dieses Bundle „entbündelt“ (Unbundling).

  • Musik-Entdeckung -> Spotify/Algorithmen.
  • Visualisierung -> YouTube.
  • Community -> Instagram/TikTok.
  • News -> Twitter/X.

MTV blieb nur noch „Reality TV“ übrig. Sie wurden zu einem Sender für Teen Mom. Das brachte kurzfristig Quote (Cash Cow), aber es zerstörte die Marke (Star) langfristig. Wer heute „MTV“ hört, denkt nicht an Musikrevolution, sondern an Trash-TV oder an Klingeltöne für Nokia Handy. Wer war nochmals Nokia?

9.2 Radio überlebt

Interessanterweise: Radio hat überlebt. Warum? „Video Killed the Radio Star“, aber das Internet hat das Radio nicht getötet. Weil Radio Nähe bietet. Ein lokaler Moderator, der über den Stau auf der A1 bei Salzburg spricht, bietet etwas, das Spotify nicht kann: Lokale Relevanz und menschliche Begleitung. MTV wurde zu global, zu generisch. Radio blieb lokal.

9.3 Die Herzbluat-Strategie für 2026

Was nehme ich, Gregor Wimmer, für mich und HERZBLUAT aus diesem Abend mit?

Sei wie Liwest: Baue deine eigene Infrastruktur (E-Mail-Liste, Website). Verlasse dich nicht auf fremde Plattformen (Facebook/TikTok), denn die können dich abschalten wie MTV.

Sei wie Conquest: Finde deine Nische. Werde so tiefgründig gut in einer Sache, dass dich der Kunde 45 Jahre lang behält.

Sei wie Ray Cokes: Umarme das Chaos. Sei menschlich. In einer Welt von KI-generiertem Content ist die menschliche Unperfektheit das letzte wahre Luxusgut.

Sei wie Hasselhoff: Warte auf deinen Moment. Und wenn die Mauer fällt, hab den richtigen Song parat.

Der Bildschirm wird jetzt schwarz. Das Logo verblasst. Aber die Erinnerung bleibt. Und die Lektionen nehmen wir mit.

HERZBLUAT Newsletter – Top informiert sein!

Melden Sie sich zu unserem Newsletter an und bekommen Sie die neuesten Hintergrund-Infos, Tipps, Tricks und Stories aus der Welt der Unternehmensberatung, der Nachhaltigkeitsberatung und des Marketings direkt in Ihr Postfach. Schneller und bequemer geht’s nicht.

Herr  Frau  Divers 

Mach’s gut, MTV.
Danke für die Ausbildung.

Reden wir im neuen Jahr über Ihre Strategien? Einfach mal bei einem Kaffee quatschen.

Rufen Sie mich an – Sie erreichen mich telefonisch unter +43 664 81 97 894 oder per E-Mail an office@herzbluat.at.

Happy new Year! Haben Sie einen guten Start ins neue Jahr.

Ihr
Gregor Wimmer

Dkkfm. Gregor Wimmer, CMC
Zertifizierter Unternehmensberater
Zertifizierter Nachhaltigkeits-Experte
Marketingfachmann

+43 664 81 97 894
office@herzbluat.at

#MTV #RIPMTV #MusicTelevision #VideoKilledTheRadioStar #Musikvideos #90er #2000er #Nostalgie #Kindheit #Popkultur #Musikgeschichte #VIVA #Retro #TikTok #SocialMediaTrends #ShortContent #Reels #ContentCreator #Medienwandel #Streaming #GenZ #Viral #VideoContent #Musikindustrie #Marketing #SocialMediaMarketing #Digitalisierung #Unternehmensberatung #Salzburg #Herzbluat #OnlineMarketing #Kommunikation #Strategie #Trendwende